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Grundlagenpapier des Stadtkulturbundes e.V. zur geplanten ECE-Ansiedlung in Mönchengladbach

Warum engagiert sich der Stadtkulturbund?

Der Stadtkulturbund Mönchengladbach e.V., ist ein Zusammenschluss freier Kulturvereine und -initiativen sowie kulturell interessierter Einzelper-sonen. In Erfüllung seiner satzungsgemäßen Aufgaben bemüht er sich, die Rahmenbedingungen für die Tätigkeit seiner Mitglieder zu verbessern und alle die Kräfte zu unterstützen, die sich für die Kultur in Mönchengladbach einsetzen. Der Stadtkulturbund nimmt öffentlich Stellung zu kulturpoliti-schen Fragen und - darüber hinaus - Einfluss auf kulturpolitische Entscheidungsprozesse.

Kultur gehört ins Stadtzentrum. Kultur, Handel, Gastronomie und Dienst-leistungen ergänzen und bedingen einander. Aus diesem Grunde hat sich der Stadtkulturbund für den Erhalt des Schauspielhauses als eines Kulturzentrums eingesetzt, nachdem es von den Vereinigten Städtischen Bühnen KR-MG in Mönchengladbach nicht mehr benötigt und es nur kurze Zeit für das Musical Gambler genutzt wurde. Nun ist dieses Grundstück eine der beiden Alternativen für die Ansiedlung eines ECE Handels- und Dienstleistungszentrums. Der Stadtkulturbund ist hier erneut gefordert, weil öffentliche Kulturinteressen unmittelbar berührt sind. Die Mehrheitsparteien im Stadtrat stehen mit dem Versprechen gegenüber der Bürgerschaft im Wort, die Kultur solle hier, im Stadtzentrum an der Hindenburgstraße, eine wichtige Rolle spielen, mit einer "dritten Säule Kultur".

Für das Handels- und Dienstleistungszentrum der Firma ECE-Projekt-management stehen nun zwei Standorte zur Diskussion: Das Areal um das ehemalige Stadttheater an der Hindenburgstrasse oder das Areal Hans-Jonas-Park im Berggarten. ECE wird sich bis Anfang September 2006 erklären, ob das Projekt auch auf dem Areal des Schauspielhauses "machbar" ist. Präferiert wurde von der ECE zunächst nur das Areal "Berggarten - Hans-Jonas-Park".

Mit der Zustimmung zu der Entwicklungsvereinbarung zwischen der Stadt Mönchengladbach und der ECE Projektmanagement hat der Rat der Stadt am 1. Februar 2006 grundsätzlich beide Standorte für die Errichtung des Handels- und Dienstleistungszentrums zur Disposition gestellt. Dies geschah, ohne dass die unterschiedlichen Auswirkungen eines solchen Zentrums hinlänglich untersucht und öffentlich bekannt gemacht und diskutiert werden konnten. Eine verantwortbare Stadtplanung ist aber ohne eine fachlich fundierte Abschätzung der Folgen nicht möglich.

Um was geht es konkret?

Die ECE-Projektmanagement GmbH aus Hamburg ist europaweit der größte Entwickler und Betreiber von großflächigen innerstädtischen Einkaufszentren. Diese Shoppingmalls US-amerikanischen Ursprungs sind zurzeit einerseits überall groß angesagt, andererseits aber auch umstrit-ten, weil ihr Einfluss auf den restlichen innerstädtischen Einzelhandel nicht immer positiv ist. Im ungünstigsten Fall entwickelt sich solch ein Einkaufs-zentrum zu einem "introvertierten" Solitärgebäude, im dem das Einkaufs-publikum unter Glasbedachung und klimatisiert ganztägig flaniert, wogegen der Rest des Einzelhandels in der City große Leerstände aufweist und qualitativ in eine Abwärtsspirale gerät.

Die Firma ECE möchte auch in der City Mönchengladbachs ein großflächiges Einzelhandels- und Dienstleistungszentrum von ca. 30.000 qm Verkaufsfläche errichten und betreiben und hat dazu mit dem Rat der Stadt eine über sechs Monate laufende Entwicklungsvereinbarung geschlossen. Anfang September 2006 wird ECE seine Planungsüber-legungen öffentlich machen und dann auch bekannt geben, welchen der beiden ins Auge gefassten Projektstandorte man bevorzugt: Entweder das Areal um das alte Stadttheater an der Hindenburgstrasse (einschl. des Gebäudes des heutigen Finanzamtes) oder der Standort Berggarten, für den neben Teilen des Hans-Jonas-Parkes auch die Gebäude der städt. Musikschule, der Volkshochschule und des städt. Jugendzentrums STEP weichen müssten. Bislang sind noch keinerlei konkrete Planungen für den Bau und die Finanzierung von Ersatzgebäuden für diese drei öffentlichen Kultur- bzw. Jugendeinrichtungen bekannt. Für das Finanzamt gibt es Überlegungen, dies in den Nordpark am Rande der Stadt zu verlagern.


Welche Problemfelder werden von der ECE-Planung tangiert?

Vom Stadtkulturbund sollen natürlich diejenigen Problemfelder diskutiert werden, die direkt oder indirekt Einfluss auf die kulturelle Entwicklung Mönchengladbachs haben.

Insbesondere die Frage der Entwicklung des innerstädtischen Einzel-handels, die üblicherweise im Zusammenhang mit der Ansiedlung von großflächigen Einkaufszentren im Mittelpunkt steht, kann deshalb nur am Rande diskutiert werden. Es sei aber festgehalten, dass der Einzelhan-delsverband in einem Schreiben an den Mönchengladbacher Oberbürger-meister im Dezember 2005 darauf hinwies, dass die Stadt Mönchenglad-bach bereits jetzt über ein deutlich überdurchschnittlich großes Angebot an Einzelhandelsverkaufsfläche pro EinwohnerIn verfügt. Einem zusätzlichen Großflächenangebot in innerstädtischer Lage - so wie ECE das plant - sieht der Verband mit größter Sorge entgegen.

Die nachfolgend aufgeführten Punkte stellen also nur eine Auswahl der Fragen dar, die im Rahmen der ECE-Planung bedeutsam sind.

a) Das ECE-Projekt und die Wahrung und Entwicklung des historischen Stadtkerns von Mönchengladbach

Die Innenstadt Mönchengladbachs hat unter den Bomben des II. Welt-krieges schwer gelitten und wurde nach 1945 recht fantasie- und lieblos wieder aufgebaut. Den ´Rest besorgte die Mentalität der Wirtschafts-wunderzeit, die der autogerechten Stadt den Vorrang vor Gesichtspunkten der Identitätsbildung, Authentizität und urbaner Lebensqualität gab. Immerhin, im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs im Jahre 1971 wurde ein "Ideenwettbewerb Abteiberg" öffentlich ausgelobt, um den histori-schen Stadtkern Mönchengladbachs zu einem "Kultur- und Bildungs-zentrum" zu entwickeln. Die vorzuschlagenden Veränderungen sollten die unverwechselbare Charakteristik des Abteiberges berücksichtigen bzw. steigern. Es sollte eine durch innerstädtisches Leben, Altstadt und Moderne geprägte Atmosphäre entstehen. Bedingung war, dass die historischen Bauten auch weiterhin die eigentliche Stadtkrone bilden sollten. Und man fand es bedenklich, durch weitere Akzente auf der Kuppe mit den historischen Dominanten in Konkurrenz zu treten. Darüber hinaus war den seinerzeit Verantwortlichen wichtig, dass im Hinblick auf den erhaltenswerten Baumbestand und das vor allem in südlicher Richtung abfallende Gelände (also das Gebiet des heutigen Berggartens) der Anlage von zusammenhängenden Grünplätzen besondere Bedeutung zukommt.

Ergebnis des Wettbewerbs war - neben 22 weiteren eingereichten Beiträgen - der Siegerbeitrag des Duisburger Büros Stumpf/Uplegger, der mit 35.000 DM dotiert wurde und auf dessen Basis dann in den folgenden Jahren das Museum Abteiberg, die städt. Musikschule, die Volkshoch-schule, das Humanistische Gymnasium sowie weitere Gebäude und Plätze mit den dazu gehörigen Grünanlagen dort angesiedelt wurden.

Die nächste Chance einer städtebaulichen Zukunftsgestaltung in größerem Stil bot sich für Mönchengladbach-City durch das Projekt "Stadt 2030" an, das durch Bundesmittel gefördert wurde und um das sich Mönchenglad-bach im Jahr 2004 erfolgreich bewarb. Im Ergebnis knüpft "Mönchenglad-bach 2030" an der bereits eingeschlagenen Richtung an und entwickelte diese behutsam im Sinne einer "Archipunktur" weiter. So soll z.B. der alte Gladbach am Fuße des Abteiberges im Sinne der Wieder-Sichtbar-Machung älterer städtischer Identitätsmerkmale aus seiner Betonröhre freigelegt werden. Überhaupt sucht das Projekt "Mönchengladbach 2030" noch erhaltene Relikte der industriellen Entwicklung Mönchengladbachs zum ehemaligen "Rheinischen Manchester" als Ressource für städtische Identitäts- und Profilbildungsprozesse attraktiv in den Blick zu rücken. Eine Bemühung, die anderen Orts bereits von großem Erfolg gekrönt wurde, hier aber erst in den Anfängen steht.

Zum Beispiel ist die typische Silhouette des Abteiberges - geprägt durch Münsterkirche und Museum Abteiberg - ein Ergebnis der städtebaulichen Bemühungen Mönchengladbachs der vergangenen 30 Jahre, und diesem Erscheinungsbild wurde bislang kein anderes Modell entgegen gesetzt. Mit der Benennung eines Teils des Berggartens mit dem Namen des welt-berühmten Philosophen und Ehrenbürgers von Mönchengladbach, Hans Jonas, setzte man am Abteiberg einen weiteren sichtbaren Akzent zur Identitätsbildung und Unverwechselbarkeit.

Das Planungsvorhaben der ECE-Projektmanagement GmbH stellt einen spürbaren Bruch mit der o.g. Planungsphilosophie für das Areal um den Mönchengladbacher Abteiberg dar. Insbesondere die Berggartenvariante würde das Erscheinungsbild des Abteiberges an seinem Fuße völlig verändern und zudem einen starken Eingriff in die Grünanlagen am Süd-hang zur Folge haben (zum notwendigen Abriss der beiden Kulturein-richtungen auf diesem Gelände siehe unten).

b) Das ECE-Projekt und das Areal um den Abteiberg als "Bildungs- und Kulturzentrum der Stadt" und die Zukunft der städt. Musik-schule und der Volkshochschule

Wie oben bereits dargestellt, gehört zur Philosophie der Bewahrung des historischen Stadtkerns von Mönchengladbach die Entwicklung dieses Areals zu dem "Bildungs- und Kulturzentrum" der Gesamtstadt. Die ursprünglichen Pläne konnten bislang leider mangels finanzieller Möglich-keiten der Stadt noch nicht zu Ende geführt werden, doch sind sie in ihrer Zielsetzung immer noch richtig und bislang nicht durch andere Vorstel-lungen ersetzt worden. Sollte ECE im Berggarten sein Einkaufs- und Dienstleistungszentrum bauen, müssten diesem großflächigen Bau die Gebäude der städt. Musikschule, der Volkshochschule und des STEP weichen. Musikschule und Volkshochschule wurden unter hohen städt. Finanzaufwendungen in den 80er Jahren aus ihren Provisorien an anderer Stelle herausgeholt und in bewusster Umsetzung des Bildungs- und Kulturauftrages der Abteibergplanung in den Berggarten verpflanzt. Insbesondere das Gebäude der Musikschule wurde speziell für diesen Zweck umgebaut (Übungsräume mit Schallschutz, Konzertbühne, Büros, Verkehrsanbindung zum ÖPNV etc.). Darüber hinaus bietet sich im Parkgelände zwischen den beiden Gebäuden im Berggarten Raum für öffentliche Veranstaltungen aller Art, der im Sommer regelmäßig genutzt wird und der an anderer Stelle in der Innenstadt nicht zur Verfügung stünde.

Sollte ECE tatsächlich im Berggarten bauen wollen, müsste aus Sicht des Stadtkulturbundes auf jeden Fall die Frage des adäquaten Ersatzes der Gebäude für Musikschule und Volkshochschule vertraglich gesichert sein. Auf keinen Fall dürften irgendwelche Provisorien als ´Lösung´ für eine sog. "Übergangszeit" akzeptiert werden, die beide Kultureinrichtungen aus langjähriger leidvoller Erfahrung bereits kennen. Bevor ECE mit dem Bau beginnen kann, müssten die neuen Gebäude für beide Kultureinrichtungen bezugsfertig sein!

Sollte sich ECE für das Areal um das ehemalige Stadttheater entscheiden, muss von Seiten des Stadtkulturbundes auf das Versprechen der politi-schen Parteien hingewiesen werden, an dieser zentralen Stelle Mönchen-gladbachs wiederum ein Kulturangebot als "dritte Säule" eines neuen Zentrums zu etablieren. Bislang wurde von der Firma ECE zu diesem Thema noch keine Aussage gemacht. Keinesfalls kann aber mit "Kultur-angebot" ein irgendwie geartetes Entertainment gemeint sein, das von gastronomischen Mietern des zukünftigen Einkaufszentrums in ihren Lokalitäten ohne Verpflichtung und künstlerisches Konzept durchgeführt wird.

Der Stadtkulturbund erinnert daran, dass im Jahr 2001 im Rahmen des Engagements der Bürgerinitiative gegen den geplanten Abriss des Stadttheatergebäudes diejenigen Kräfte, die in der Politik für den Abriss votierten, an dem Punkt mit den Gegnern des Abrisses überein stimmten, dass ein regelmäßiges Kulturangebot mit Niveau an diesem zentralen Punkt der Stadt notwendig ist und dazu beiträgt, die City zu beleben. Gleichzeitig sollte dieses Kulturangebot auch kulturschaffenden Vereinen und Personen aus Mönchengladbach die Chance bieten, sich dort einem größeren Publikum zu präsentieren.


c) Das ECE-Projekt und ein zukünftiges "Flair" der Gladbacher Innenstadt als eine gelungene Symbiose aus Architektur, Einzel-handel, Kulturangeboten und Grünanlagen.

"Bochum, du bist keine Schönheit", singt Herbert Grönemeyer in seiner bekannten Hymne auf seine Vaterstadt im Ruhrgebiet. Das kann man sicher so auch von Mönchengladbach sagen - auch wenn darüber noch keiner gesungen hat. Gleichwohl, es gibt markante und schöne Gebäude und Plätze in der Stadt, die es zwar zu einer gewissen Bekanntheit und überregionalen Attraktivität gebracht haben, doch sind diese allesamt nicht im engeren Sinne imagebildend für die Gesamtstadt. Die Aufenthalts-qualität hält sich insgesamt in Grenzen. Das gilt auch für die Mönchenglad-bacher City. Deren Wert für einen veritablen Städtetourismus ist - höflich ausgedrückt - unterdurchschnittlich. Vergleichbare Städte haben es vermocht, ihre Innenstädte nicht nur als Einkaufszonen attraktiv zu gestalten, sondern darüber hinaus zu beliebten Zielen des Städtetourismus zu entwickeln. ´Nur´ Einkaufsstadt zu sein ist für die Zukunftsentwicklung einer Großstadt eindeutig zu wenig, denn die mobilen Bürgerinnen und Bürger entscheiden sich immer kurzfristiger, wo und bei wem sie einkaufen und wo und bei wem sie ihre Freizeit verbringen. In diesem Zusammenhang spielt ein vielfältiges Kulturangebot in der Stadt eine entscheidende Rolle. Als Faustregel gilt: Die Menschen folgen heute der Attraktivität eines Angebotes. Und in dieser Angebotskonkurrenz muss jede Stadt mithalten können, sonst bleibt sie über kurz oder lang ´links liegen´.

Man könnte nun sagen, dass gerade die Ansiedlung eines großflächigen Einkaufszentrums in der Innenstadt eine besondere Attraktivitätssteigerung für die Menschen aus dem Umland darstellt und deswegen genau dieses der richtige Schritt in die Zukunft darstellt. Das kann aber nur gelten, wenn derartige Zentren nicht auch in den Nachbarstädten entstehen. Sonst würde der positive Effekt schnell verpuffen. Weiteres "Aufrüsten" müsste dann die konsequente Folge sein, um als Standort mithalten zu können. Das gleiche gilt auch für die sogenannte Events im Kulturbereich, die als kurzfristig hell leuchtende "Strohfeuer" wahrgenommen werden und dann schnell erlöschen. Neue Events müssen dann für viel Geld aufgezogen werden, will man nicht in Vergessenheit geraten.

Langfristig gesehen hat es sich als sinnvoll erwiesen, als Stadt an einer systematischen Entwicklung des eigenen Images zu arbeiten. Dazu ist ein ganzes Bündel geeigneter Maßnahmen zu ergreifen; wir weisen hier nur auf die Kultur als ein Angebot hin, das besonders geeignet ist, die Identifikation mit einer Stadt zu fördern und die Menschen an ihre Stadt zu binden. Mönchengladbach ist diesen Weg leider nie konsequent gegangen. "Kultur" wurde hier nie offiziell als ein Baustein der Stadtentwicklung betrachtet bzw. als ein solcher verwendet. Die Stadt begnügt sich mit einer "kulturellen Grundversorgung". Dass das dann auch so wahrgenommen wird, zeigt folgendes aktuelles Beispiel: Die Zeitschrift "Wirtschaftswoche" veröffentlichte z. B. in ihrer Ausgabe Nr. 27 vom 13.7.2006 einen der mittlerweile beliebten Städtevergleiche - neudeutsch "Ranking" genannt. In den untersuchten und miteinander verglichenen 50 deutschen Städten wurde auch nach der Zufriedenheit bei Wirtschaftsbossen mit den lokalen Kultur- und Freizeiteinrichtungen gefragt. Mönchengladbach landete mit 58,5 Punkten nur auf Platz Nr. 47 knapp vor einer Stadt wie Herne. Weit oben auf der Rangskala dagegen liegt mit 93.8 Punkten eine Stadt wie Münster auf Platz drei. Münster hat auch nicht mehr Einwohner als Mönchengladbach. Warum wird Kultur in Mönchengladbach so tief gehängt? In Münster hat man sich übrigens vor kurzem gegen die Ansiedlung eines großen Einkaufszentrums in der Innenstadt entschieden.

Die Attraktivität einer Stadt besteht in ihrer Anziehungskraft auf die Menschen. Und diese wird gespeist durch zahlreiche "Einzelattraktionen", die in ihrer Mischung eben so gelungen sein muss, dass darin Unverwech-selbarkeit angelegt ist und dass daraus das berühmte "Flair" einer Stadt entsteht, das die Menschen erleben wollen, wenn sie in eine bestimmte Stadt kommen. Als Attraktionen kommen z.B. die gebaute Umwelt - also die Architektur, das Einzelhandels-, Gastronomie- und Kulturangebot sowie die städtischen Plätze und Parks infrage. Einkaufen kann man heutzutage fast überall, doch die Menschen wenden sich dort hin, wo sie sich wohl fühlen, wo sie Anregung erfahren und wo sie auch gesehen werden wollen. Der allerorten beschworene "Erlebniseinkauf" ist immer auch ein Akt der Selbstinszenierung der Bürgerinnen und Bürger. Dafür sucht man sich das geeignete Terrain - unverwechselbar eben.

Zuletzt sei unter diesem Punkt noch auf eine Bemerkung hingewiesen, die im Gutachten des Einzelhandelsverbandes zu "Innerstädtischen Einkaufs-zentren" vom September 2005 zu finden ist. Dort wird u. E. zu Recht von einem "Primat für die gewachsene, unverwechselbare Innenstadt euro-päischen Stils" gesprochen. Die Stadt europäischen Stils ist die Stadt der politisch über ihre eigenen Angelegenheiten entscheiden-den Bürger(-gruppen) und die Stadt der gewachsenen Innenstädte mit ihrer Nutzungs-vielfalt aus Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur, Verkehr usw. Diese Innenstädte, wie sie unserem Traditionsverständnis entsprechen, sind Räume öffentlichen Charakters; stehen offen für gesellschaftliches Handeln aller Bürgerinnen und Bürger und sind keine privatisierte Sphäre unter der Regie eines Großinvestors. Wir sollten mit Skepsis auf alle Versuche reagieren, die historisch entstandene Unverwechselbarkeit zugunsten einer nichtöffentlichen, anonymen und monofunktionalen Großstruktur aufzugeben.

Das ECE-Projekt fordert die Stadt Mönchengladbach und ihre Bürgerinnen und Bürger heraus, jetzt über ihre Zukunft gründlich nachzudenken!

Die Ansiedlung eines großflächigen Einzelhandels- und Dienstleistungs-zentrums in der Mönchengladbacher Innenstadt wird sich - an welchem genauen Standort auch immer - in vielerlei Hinsicht auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Stadt auswirken und diese verändern. So gut wie kein wichtiger Bereich wird davon ausgenommen bleiben und auch die Zukunft wird sich an diesen einmal ´vollendeten Tatsachen´ zu reiben haben (die Stichworte sind hier "Wanderungsbewegung" und "demographi-scher Faktor"). Ebenso wird ein solches Zentrum das Verhältnis der Mönchengladbacher City zu den Nebenzentren in Mönchengladbach, insbesondere zu Rheydt neu definieren. Alle diese Fragen sind zurzeit ungeklärt. So ist z.B. die Frage noch offen, für welche konkrete Funktions-bestimmung die Innenstadt von Rheydt steht, nachdem man sich kürzlich offiziell von der "Zweipoligkeit" der Stadt Mönchengladbach verabschiedete. Die Ideologie der gleichberechtigten Zweipoligkeit zwischen Mönchenglad-bach und Rheydt hatte in den vergangenen 30 Jahren die Funktion, den schwierigen Zusammenschluss der beiden Städte zu erleichtern. Nun aber ist der Zeitpunkt da, dies im Sinne einer sinnvollen Funktionsabstufung zugunsten eines Zentrums zu ändern - und dies gilt für die weiteren Neben-zentren der Stadt ebenso. Ob dieser Prozess nun quasi naturwüchsig - also ungeplant und politisch undiskutiert - entlang einer anonymen Markt- und Machtlogik abläuft oder zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern kommuniziert wird, das ist jetzt die Frage!

Das ECE-Projekt stellt im Hinblick auf die Zukunft der Stadt Mönchenglad-bach eine ernste Herausforderung dar. Mit diesem Projekt werden existentielle Fragen aufgeworfen, die von Seiten des Stadtkulturbundes mit dem Stichwort notwendige Profilveränderung versucht werden, zu charak-terisieren. Was will Mönchengladbach in der Zukunft sein: Einkaufsstadt, Sportstadt oder auch Kulturstadt? Diese Fragen können nur im Rahmen eines - wie wir meinen - "öffentlichen Nachdenkens" zusammen mit möglichst zahlreichen interessierten Bürgerinnen und Bürgern Mönchen-gladbachs beantwortet werden. Es gibt dafür einige erprobte Verfahren, z.B. die "Zukunftswerkstätten", die leider in Mönchengladbach allesamt keine Tradition besitzen. Einzig das Projekt "Mönchengladbach 2030" wurde in jüngster Zeit als lokales Forum für Zukunftsvisionen genutzt. Nur, drin befindet sich für ein Projekt wie das von ECE zurzeit geplante kein Platz!


Der Stadtkulturbund fordert klare und mit allen Beteiligten abgesprochene Bedingungen, unter denen der Investor ein Handels- und Dienstleistungszentrum realisieren kann.

Es kommt dem Stadtkulturbund aufgrund seiner satzungsgemäßen Aufgaben nicht zu, sich grundsätzlich für oder gegen die Ansiedlung eines Projektes wie das von ECE geplante öffentlich zu äußern. Wohl aber wird er sich um die damit in kultureller Hinsicht in Verbindung stehenden Fragen kümmern. Es handelt sich in erster Linie um nachfolgende:

  • Ist der Bau eines großflächigen Einkaufs- und Dienstleistungs-zentrums am Fuße des Abteiberges in Mönchengladbach mit der Entwicklung des Abteiberges zum Kultur- und Bildungszentrum mit seinen Grünanlagen und den dort ansässigen Einzelhandels- und Dienstleistungsangeboten zu vereinbaren?

  • Ist die Firma ECE-Projektmanagement GmbH im Falle der Bebauung des Areals an der Hindenburgstrasse bereit, in diesen neu zu planenden Komplex einen Bereich zu integrieren, der für ein breites Kulturangebot - auch von Kulturschaffenden aus der Stadt als Aktionsbereich - genutzt werden kann?

  • Wie ist der kontinuierliche Betrieb der Musikschule und der Volkshoch-schule zu sichern?

  • Ist der Einsatz von zig Millionen für die Anpassung der städtischen Infrastruktur an ein Handels- und Dienstleistungszentrum angesichts der katastrophalen Finanzlage der Stadt zu verantworten - wo doch für "freiwillige" Leistungen im Kulturbereich kein Eurocent verfügbar ist?

Es geht um die Lebensqualität in der Mönchengladbacher City. Sie würde durch einen schweren und unreversiblen Eingriff in den Bestand städti-scher Grünanlagen spürbar leiden. Drüber hinaus würde ein Teil des Parks vernichtet, der nach dem weltberühmten Philosophen und Ehrenbürger Mönchengladbachs, Hans Jonas, benannt wurde.

Mönchengladbach im Juli 2006


 

Vereinigung von freien Kulturinitiativen und Kulturfreunden in Mönchengladbach

Stadtkulturbund Mönchengladbach e.V.
c/o Karl Boland - Braunsstraße 16
41063 Mönchengladbach